Der Film „Holocaust“ und die Jugend

War die vierteilige TV-Serie der Beginn des Schuldkults? Generationen junger Ankläger kennen keine Gnade der späten Geburt.

Der SS-Mann Erik Dorf im Gespräch mit seiner Frau.
Die Frau des aus beruflichen Gründen in die NSDAP eingetretenen Erik Dorf hatte ihn ermutigt, bei der SS Karriere zu machen. Hier weist sie ihn an, ein Hilfegesuch des jüdischen Arztes Josef Weiss abzulehnen: „Weigere dich, ihm zu helfen“ (Minute 56:25). Foto: Screenshot

Von Gastautor Harald Noth

Der amerikanische Fernsehfilm „Holocaust“ wurde am 22. Januar 1979 erstmals in Deutschland ausgestrahlt; er wird von den einen als „Wendepunkt in der deutschen Erinnerungskultur“ angesehen, von anderen als Beginn des deutschen Schuldkults. Der Film wurde vor 40 Jahren in allen Dritten Programmen ausgestrahlt. Da es nur drei Programme gab, erreichte er eine gewaltige Verbreitung, fast die Hälfte aller Deutschen über 14 sollen zumindest einen Teil der Serie gesehen haben. Jetzt im Januar 2019 wurden die vier Folgen wiederholt; die Behandlung oder wenigstens das Streifen der Judenverfolgung, ob im Spiel- oder Dokumentarfilm, ist freilich inzwischen zu einem fast allabendlichen Ereignis am TV geworden. Der neue Begleitfilm „Wie ‚Holocaust‘ ins Fernsehen kam“ gibt an, 1979 hätten sich 39% der Zuschauer geschämt. Eine Zuschauerin präzisiert weshalb: „Der Schock war einfach zu sehen, ich bin eine Deutsche und meine Vorfahren haben so etwas gemacht. Wer bin ich denn dann?“ Sie sagt nicht etwa: „Mein Vater/Opa war KZ-Aufseher“, sondern übernimmt die Schuld pauschal für die Deutschen und sich. Der Begleitfilm stellt heraus: „Die junge Generation in Deutschland nahm das Schweigen nicht mehr hin. Sie stellte Fragen, in ihrer Familie, in ihrer Nachbarschaft. Überall.“

Eine Schlüsselszene aus dem Film: Es ist Weihnachten im Krieg, SS-Sturmbannführer Erik Dorf ist bei Frau und Kind, die Mutter klimpert am Flügel, den man aus dem Besitz eines deportierten jüdischen Nachbarn ergattert hat. Ein Misston kommt heraus – Onkel Kurt öffnet den Deckel und findet auf den Saiten Bilder des rechtmäßigen Besitzers, der Arztfamilie Weiss. Das Töchterchen soll die Bilder in den Ofen werfen. Während sie brennen, singt und klimpert die Familie ein klägliches „Stille Nacht, heilige Nacht“.

„Dorf“ – ein seltsamer Name, das war einst die grundlegende Einheit der gesellschaftlichen Organisation der Deutschen. „Stille Nacht“ ist das weltweit bekannteste Lied der Deutschen und Inbegriff des Weihnachtsbrauchtums im deutschen Sprachraum. Das Drehbuch stellt diese Familie stellvertretend für die Deutschen überhaupt hin. Familienvater Dorf ist im Film als Adjutant und Ideengeber Heydrichs maßgeblich in der Planung und Durchführung des Völkermords an den Juden verstrickt.

Der jüdische Arzt Josef Weiss und seine Familie verkörpern den krassen Gegensatz; ihr Name Weiss deutet schon auf Reinheit, Unschuld hin. Der selbstlose Arzt behandelte auch Nichtjuden und Arme, darunter unentgeltlich auch Frau Dorf, als Erik noch arbeitslos war. Frau Weiss und ihre Tochter spielten und sangen in ergreifender Weise am Flügel, den später die Dorfs erbeuten werden. Das Mädchen wird von SA-Leuten vergewaltigt, verliert seine Sprache und wird in der Landesheilanstalt Hadamar vergast. Sie ist das erste Opfer aus der Familie; es überlebt den Völkermord nur ein Sohn.

Der Film konfrontiert den Zuschauer über sechs Stunden mit dem furchtbaren Schicksal der fiktiven Familie Weiss und der anderen Juden. Nichtjüdische Deutsche kommen vor allem als Mörder, Sadisten und Ekel vor, sei es mit oder ohne Uniform, und als zustimmende oder feige Gaffer. Ausnahmen sind die nichtjüdische Schwiegertochter Inga [Meryl Streep], die eine größere Rolle spielt. Dann der widerständige Pater Lichtenberg, er wird in zwei ganz kurzen Szenen als absolute Ausnahme hingestellt.

Das Filmwerk zeigt ein Mosaik, in dem es im Wesentlichen nur zwei Farben gibt: braun und weiß. Auch die anderen Steine zu zeigen würde erfordern, Schicksale nichtjüdischer Deutscher in ähnlicher Ausführlichkeit darzustellen. Der Erste Weltkrieg und der Versailler Vertrag haben unermessliches Leid über die Deutschen gebracht und sie schließlich Hitler in die Arme getrieben. Viele Deutsche hatten auch Aversionen gegen Juden und das hat Hitler die Unterdrückung erleichtert. Der Film ignoriert – wie auch der mediale Mainstream der letzten Jahrzehnte – die Gründe dafür. Detlef Prinz und Rafael Seligmann schrieben bezüglich der Jahrzehnte vor Hitlers Sieg:

„Die objektiven jüdischen Erfolge – bei einem Bevölkerungsanteil von weniger als einem Prozent stellten die Juden 25 Prozent der deutschen Nobelpreisträger, die Hälfte der deutschen Privatbankiers, in Berlin war jeder zweite niedergelassene Anwalt Jude, jeder vierte Arzt ebenfalls – riefen (…) Neid hervor“ (Welt vom 21. August 2007). Die Juden waren auch im Kulturwesen, im Lehrkörper der Hochschulen und im Journalismus extrem überrepräsentiert (Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab; 2010, S. 94f).

An anderer Stelle schreibt der deutsche Jude Seligmann: „Die Juden waren in der Tat die unbestrittenen Nutznießer der Moderne, ganz gleichgültig, ob als Demokraten, Kapitalisten, Intellektuelle oder Kommunisten. (…) In der Tat verkörperten und propagierten die Juden stärker als jede andere Gruppe die Moderne. Damals bestanden, was heute meist verschwiegen wird, erhebliche wirtschaftliche, gesellschaftliche und geistige deutsch-jüdische Gegensätze“ (Rafael Seligmann: Hitler – Die Deutschen und ihr Führer; 2004, S. 15f).

Aus diesen objektiven Gegensätzen entstand bei nichtjüdischen Deutschen Missgunst, in aller Regel aber nicht der Wunsch, die Juden auszulöschen. Doch das Versailler Diktat der Siegermächte des Ersten Weltkriegs trieb die Deutschen in eine unerträgliche Lage, die ihren Gipfel in der Weltwirtschaftskrise erreichte und politisch durch die demokratischen Parteien nicht mehr beherrscht werden konnte. So wurde Hitler an die Macht gespült und konnte nicht mehr gebremst werden, schon gar nicht im Krieg, als Deportation und Massenmord stattfanden.

Der Film bringt keinerlei ernsthafte Erklärung für die seit 1930 zunehmende Ergebenheit vieler Deutscher an Hitler, und es bleibt offen, diese Ergebenheit für Zustimmung zu allem und für das Resultat einer unerklärlichen Bosheit zu halten, die den Deutschen innewohnt.

Durch die Dunkelheit des Sechs-Stunden-Films leuchtet für ganz wenige Minuten die Vorgeschichte des SS-Manns Erik Dorf durch. Er stammt aus einer sozialdemokratischen Familie, ist arbeitslos und eigentlich dem Nationalsozialismus nicht zugetan. Seine Frau drängt ihn aber, sich mit den neuen Machthabern zu arrangieren und Karriere zu machen. Er beginnt seinen Marsch durch die Institution SS, legt seine Skrupel allmählich ab und wird zu einem Vordenker und Mitorganisator des Völkermords. Hier ist es den Filmemachern gelungen, einen Charakter zu beschreiben, den es en masse bis zum heutigen Tag gab und gibt.

Während das Filmwerk bei der Erlebnisgeneration vielfach auf Skepsis und Ablehnung stieß, ließ es unzählige junge Konsumenten moralisch erschlagen im Fernsehsessel zurück. Der deutsche Schuldkomplex wurde gerade bei einer Generation zu einer Massenerscheinung, die zur Zeit der Judenverfolgung noch gar nicht geboren war. Viele der Nachgeborenen versuchten, sich von dieser Schuld zu befreien, indem sie sich zum Richter über ihre Vorfahren aufschwangen und versuchten, sich vom Deutschsein loszusagen – ein Vorgang, der bis heute nicht beendet ist, sondern immer noch an Fahrt aufzunehmen scheint. Die verhätschelte Generation der jungen Ankläger kann sich die Verhältnisse, über die sie urteilt, nicht einmal im Ansatz vorstellen und der Film „Holocaust“ lässt sie beinahe völlig im Dunkeln. So verblendeten Menschen erscheint es als Befreiung, wenn Deutschland in der EU aufgelöst wird und die Deutschen durch eine Masseneinwanderung von überwiegend Männern durchmischt werden, die einer feindlichen Religion und archaischen Kulturen angehören.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des Autors: noth.net.

Der besprochene Film ist in guter Qualität auf Youtube zu sehen. Hier Teil 1.