Keine Volksgemeinschaft. Was dann?

Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Zur wiederkehrenden reflexhaften Aufregung über einzelne Worte gibt es nur eine Alternative: die offene Debatte.

 

Foto: pixabay.com
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Von Simon Niederleig

Hilfe, er hat „Volksgemeinschaft“ gesagt! Das ist ein „Kennwort des Nationalsozialismus“, ein „kontaminierter Begriff“. Der Begriff der Volksgemeinschaft aber führt ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Nur Weniges ist den inneren Gegnern unseres Landes gefährlicher, als wenn sich unser Volk seiner „Gemeinschaft“ erinnert. Das Deutsche Volk soll sich hassen und muss sich selbst bekämpfen! So wie es die „Antifa“ vorlebt. Es soll gespalten sein und bleiben: In Arm und Reich, in Ossis und Wessis, in Junge und Alte, in Männlein und Weiblein. Und wenn das nicht reicht, wird es noch in 40 weitere Geschlechter ziseliert. Teile und herrsche! Eine Gemeinschaft des Deutschen Volkes? Von wegen! „Deutschland verrecke!“, „Deutschland, du mieses Stück Scheiße!“ oder schlicht „We love Volkstod“ – das ist derzeit Staatsdoktrin in unserem Land.

Wenn wir uns aber das Gemeinschaftsgefühl als Volk verbieten lassen – und eine Tabuisierung des Begriffs will genau dies erreichen – was soll unser Volk dann sein? Ein bloßer Gen-Pool-Cluster? Eine bürokratische Verwaltungseinheit? Eine Summe fleißiger Arbeitsbienen und noch fleißigerer Konsumenten? Die bloße Summe der „schon länger hier Lebenden“?

Der Vorhalt, dass der Begriff Volksgemeinschaft „kontaminiert“ sei, impliziert doch schon, dass es mal ein „unkontaminiertes“ Verständnis desselben gegeben haben muss. Er geht wohl auf den englischen Philosophen John Locke (1632 -1705) zurück, der ihn als Gegenbild zur konfliktbeladenen und sozial gespaltenen Gesellschaft verwandt hat. Der Begriff beschreibt ursprünglich ein Ideal, das für sich genommen nicht verwerflich oder gefährlich ist, solange man es nicht zum exklusiven Ziel einer politischen Utopie erhebt. Ist es verboten an diese Bedeutung des Begriffs anzuknüpfen? Weder der aktuell gesellschaftlich propagierte Hyperindividualismus noch der totalitäre Kollektivismus sind in Reinform zielführend für eine humane Gesellschaft. Denn der Mensch ist beides zugleich, Individuum und Gemeinschaftswesen, und strebt in beiden Sphären nach Erfüllung. Tendenziell mangelt es uns heute aber eher an Gemeinschaftssinn. Denn Begriffe wie Volk, Staat und Gesellschaft fallen uns doch gemeinhin immer nur dann ein, wenn wir Ansprüche gegen diese geltend machen wie Rente, Sozialleistungen, Gesundheitsversorgung oder eine intakte Infrastruktur. Eine Verbundenheit aber, gar ein emotional begründeten Gemeinschaftssinn, haben wir völlig verlernt. Er muss wiedergefunden werden, wenn unsere Gesellschaft nicht zerfallen soll.

Gegen den Begriff „Volksgemeinschaft“ wird, neben seiner objektiv vorhandenen geschichtlichen Belastung, dann auch noch eingewendet, dass er „ausgrenzend“ sei. – Nein, das ist er vom Grundsatz her nicht! Er ist ab-grenzend. Er meint das Eine und eben nicht das Andere. Er meint diejenigen, die dieser Gemeinschaft zugehörig sind, und nicht die anderen. Er ist im Wortsinne „diskriminierend“ , also unterscheidend. Unsereins gehört ja auch nicht zur Gemeinschaft des französischen oder türkischen Volkes. Eine Unterscheidung bedeutet per se keine Wertung oder Herabwürdigung von anderen. Eine Unterscheidung zu treffen, ist auch nicht gleichbedeutend mit „Undurchlässigkeit“ oder „Abschottung“, dass also nicht auch andere Menschen zu dieser Volksgemeinschaft hinzukommen und sich integrieren könnten.

Doch es geht hier auch gar nicht darum, diesen Begriff zu „rehabilitieren“. Begriffe können Stigmatisierungen, anders als die meisten Menschen, sehr gut verkraften. Wichtig ist es vielmehr, den auch in der AfD immer noch wirksamen politisch korrekten Aufregungsreflexen entgegen zu wirken, die sich an einzelnen Worten hochziehen, um eine Diskussion über den damit verbundenen Gehalt zu unterdrücken. Die politisch korrekten Reflexe vergiften seit Jahrzehnten jede öffentliche Debatte und gehören deshalb „auf den Müllhaufen der Geschichte“, wie Alice Weidel einmal richtig sagte. Und wir haben schon einiges auf diesem Weg erreicht: Eva Herman wurde 2007 medial geschlachtet, weil sie ein Umdenken im Feminismus forderte und dazu eine Neubewertung des Begriffs der Mutterschaft forderte. Sie hat sich letztendlich durchgesetzt. Der Umbruch im Feminismus ist längst da. Auch Begriffe wie „Heimat“ und „Volk“ waren lange Zeit im Giftschrank politischer Begriffe. Doch mittlerweile versuchen sogar die Grünen verzweifelt, diese Begriffe für sich zurechtzubiegen und nutzbar zu machen. Und die Vokabel „Umvolkung“ wurde noch vor wenigen Monaten selbst von der AfD-Führung geächtet, die jedoch heute selbst von einem „Bevölkerungsaustausch“ spricht. Oft scheint es so, dass derjenige, der die Dinge und Zusammenhänge in Deutschland früher erkennt und benennt, den Nazistempel aufgedrückt bekommt. Ein bis zwei Jahre später sagt es dann jeder und hat es auch „immer schon gesagt“.

Haben wir also keine Angst vor offenen Worten und freien Gedanken! Beteiligen wir uns nicht an der Unterdrückung von Debatten, indem wir uns an bestimmten Worten festbeißen und uns an medialen Hetzjagden auf Einzelne beteiligen. Hannah Arendt hat in einem Interview einmal gesagt: „Es gibt keine gefährlichen Gedanken – nur Nichtdenken ist gefährlich“. Halten wir uns daran.