Nicht der Islam, sondern das Christentum bewahrte die Schriften der Antike

Thilo Sarrazin: Die Texte von Platon und Aristoteles überlebten in byzantinischen Klöstern und Bibliotheken

Bibliothek des Trinity College in Dublin; Foto: pixabay.com
Bibliothek des Trinity College in Dublin; Foto: pixabay.com

Von Thomas Rettig

Missionarische Atheisten behaupten nicht selten, die Befreiung des Denkens aus der Unmündigkeit, die uns der Humanismus und die Aufklärung gebracht haben, seien gegen die Christenheit erkämpft worden. Das ist kaum zu beweisen, aber auch nicht ohne Weiteres zu widerlegen. Man kann solcher Art von Geschichtsklitterung aber entgegenhalten, dass Renaissance und Aufklärung ohne die christliche Ethik und die Reformation kaum denkbar sind. Beim Humanismus waren die Christen fett dabei, zum Beispiel der Reformator Martin Luther, Philipp Melanchthon (der mit Luther befreundet war), Johannes Reuchlin, Erasmus von Rotterdam. Schon die römischen Philosophen Tertullian (169 bis 220 nach Christus) und Augustinus (354 bis 430 nach Christus) waren Christen.

Unter anderem Ihnen haben wir zu verdanken, dass die Schriften des antiken Griechenlands und Roms bis in die heutige Zeit überliefert und gelesen werden, wie der Historiker Sven Rausch schreibt: „Auch das Fundament zur Rettung und Renaissance der antiken Kultur im christlichen Abendland wurde von Tertullian gelegt. Bekanntermaßen stand – und steht – das Christentum anderen Religionen ablehnend gegenüber. Diese Auseinandersetzung zwischen Christen- und Heidentum war besonders in der Frühzeit unerbittlich. Es wäre daher zu erwarten gewesen, dass antike und damit heidnische Schriften nach dem Sieg des Christentums verboten, verbrannt und für immer ausgelöscht würden. Dass dies nicht geschah, sondern die Werke von Autoren wie Homer und Vergil weiterhin gelesen wurden und dadurch bis heute erhalten blieben, erklärt sich damit, dass diese Autoren als Menschen beurteilt wurden, die von ihrem Charakter her Christen waren, jedoch das Pech hatten, vor Christi Geburt zu leben“ (Römische Antike – 50 Klassiker; Hildesheim 2009, Seite 212).

Auch der Historiker Karlheinz Weißmann unterstreicht, dass die Mönchsorden das Wissen der griechischen und römischen Antike nicht etwa bekämpften und vernichteten, sondern dass sie die Bücher lasen anstatt sie zu verbrennen, wie das im Islam sehr oft geschah. Weißmann schrieb 2015 in seinem Buch ‚Deutsche Geschichte für junge Leser‚: „Mönche spielten eine wichtige Rolle im Mittelalter, weil sie eine christliche Elite bildeten. Ihre Klöster waren oft letzte Orte der Gelehrsamkeit, in denen sich die antike Bildung erhalten hatte, sie konnten häufig als einzige lesen und schreiben, waren Heilkundige und Lehrer, und sie wussten, wie man den Boden auch da bebaute, wo es mehr als schwierig war“ (Seite 53).

2016 behauptete Spiegel-Redakteur Christian Stöcker, dass es ohne die arabische Welt und den Islam in Europa weit finsterer aussehen würde, denn die Araber hätten die Bücher der Griechen und Römer vor der angeblichen Zerstörungswut der Christen gerettet. Stöcker schreibt in seiner Spiegel-Kolumne: „Hätten Araber und Perser nicht viele antike Schriften gerettet, noch weit mehr von der Geistesgeschichte des Abendlandes wäre verlorengegangen. Zu unserem Glück flossen die Ideen und das Wissen schließlich aus dem arabisch-persischen Raum zurück nach Europa.“ (Spiegel vom 02.10.16).

Hier muss zunächst eingewendet werden, dass es schon gewagt ist zu behaupten, Orientalen hätten die antiken Schriften vor dem Untergang bewahrt, nur weil man festgestellt hat, dass Araber oder Perser im Besitz solcher Schriften gewesen sind. Um diese Behauptung zu untermauern, müsste es Hinweise geben, dass im christlichen Mittelalter im großen Maßstab Bücher und Bibliotheken verbrannt oder sonst wie zerstört wurden. Meines Wissens war das nicht der Fall. Dagegen berichtet der indische Historiker Jaya Gopal, dass die angeblich friedliebenden Muslime eine ganze Reihe antiker Bibliotheken zerstörten, darunter die berühmte Bibliothek von Alexandria (Gabriels Einflüsterungen, 3. Auflage 2008, Seite 300 ff). Außerdem müssen es gar nicht unbedingt Moslems gewesen sein, die Schriften von griechischen und römischen Philosophen überliefert hatten. Viel wahrscheinlicher ist, dass es Juden, Christen oder Anhänger des persischen Zarathustra-Kults waren, die nicht oder nur pro Forma zum Islam übergetreten sind.

Diese Sicht auf die Geschichte unterstützt Thilo Sarrazin in seinem grünen Buch von 2018. Dort schreibt er auf Seite 129f: „Die islamischen Eroberungszüge vom 7. bis 12. Jahrhundert hatten die reichsten und zivilisatorisch fortgeschrittensten Teile der damals bekannten Welt unter islamische Herrschaft gebracht, und die Araber machten sich das Wissen der unterworfenen Völker und Kulturen durchaus zunutze. Sie übernahmen die in Europa arabisch genannten indischen Zahlen. Sie veranlassten die Übersetzung von Platon und Aristoteles ins Arabische. So trugen sie für einige Jahrhunderte zur Sammlung, Erhaltung und Verbreitung des Weltwissens bei. Davon profitierte auch die europäische Kultur. Allerdings gingen die antiken Manuskripte selbst bei den Arabern unter. Sie überlieferten nur Übersetzungen von Teilen des erbeuteten Schriftguts. Die originalen Texte überlebten in byzantinischen Klöstern und Bibliotheken“ (Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht).

Siehe auch www.liberalkonservative.de/#Christentum